Der rosa Wäschekorb

Sarah/ April 11, 2018

Mein Blick fällt auf den alten, blassrosa Wäschekorb in Uromas Wohnung. Als Kind haben meine Schwester und ich immer damit gespielt, wir haben eine Decke reingelegt und uns „Proviant“ mitgenommen – vorzugsweise Knabbereien – denn der Wäschekorb war unser Schiff und mit dem erlebten wir fantasievolle Abenteuer auf hoher See, wenn wir drinnen saßen.

Der alte Wäschekorb kann bestimmt spannende Geschichten erzählen. Er hat viel erlebt. Und es gab ihn schon lange vor unserer Zeit. In einer Zeit in der es nicht so schön war wie heute…

Wir schreiben das Jahr 1945. Meine Oma kommt zur Welt. Eine Hausgeburt, das war damals üblich. Eine Hebamme unterstützte Uroma. Auf meinen angewiderten Blick, als sie mir vor vielen Jahren das erste Mal davon erzählte, meinte Uroma: „Die blutige Bettwäsche nach der Geburt war unser geringstes Problem in dieser Zeit. Ich konnte nach der Geburt nicht aufstehen, musste Bettruhe wahren. Allerdings herrschte Krieg. Linz wurde heftig bombardiert. Wir hatten Glück, dass uns keine Bombe traf. Die Wohnung meines Bruders ein paar Straßen weiter wurde zerbombt, nur mehr die Ränder des Bodens waren übrig. Zum Glück war er im Bunker gewesen.“

„Eine Woche nach der Geburt konnte ich aufstehen und ab dann stand der rosa Wäschekorb immer bereit. Bei Bombenalarm schnappte ich deine Oma, legte sie rein und rannte zum nächsten Bunker. Auch wenn wir mal länger drinnen bleiben mussten, hatte ich für sie die wichtigsten Dinge dabei.“

„Es waren schreckliche Jahre, wer die Hand auf der Straße nicht zum Hitlergruß hob, war sofort verdächtig. Dein Uropa musste an die Front. Wir waren jedes Mal erleichtert, wenn wir nach Wochen eine Nachricht erhielten, dass er noch am Leben war. Einmal kehrte er heim, daraufhin weigerte er sich, wieder an die Front zu gehen. Von da an war es noch schlimmer, denn wir mussten ihn verstecken.“

Während Uroma von Früher erzählt, unterbricht sie oft, starrt ins Leere und ist in Gedanken. Dann fällt ihr Blick auf die aktuelle Tageszeitung. Sie verharrt einen kurzen Moment, dann sieht sie mich mit großen Augen an und meint bekümmert: „Da ist so viel Aggression in der heutigen Welt. Es macht mir Angst. Es werden wieder Schuldige gesucht und gefunden. Manche Politiker lehren einen bei ihren Hetzreden das Fürchten. Trotzdem laufen die Leute in Scharen zu ihnen und sind überzeugt: Der kann unsere Probleme lösen. So hat es auch damals begonnen. Ich bin alt und ich bin froh darüber, denn ich werde keinen Krieg mehr erleben, aber euch könnte es passieren.“

Eine schwere Stille hängt im Raum, ich sehe Uroma mir gegenüber, die Hände zu Fäusten geschlossen, nicht weil sie voller Wut ist, sondern weil die Finger sich nicht mehr ausstrecken lassen. Das ist ziemlich schmerzhaft, erklärt sie mir. Sie kann auch kaum mehr greifen und hat Mühe, die Gabel zum Mund zu führen. Und dann sagt sie mir, dass sie, obwohl sie körperlich bereits schwach ist, glücklich ist, weil es ihr noch nie so gut gegangen ist wie jetzt.

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